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CUBE CROSS, 2010, STAHL PATINIERT |
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BALANCED CUBES, 2011, STAHL PATINIERT |
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CUBECUBE, 2010, STAHL PATINIERT |
Vernissage 28.01 /
19.00 - 22.00
Ausstellung 28.01 - 14.03
ponyhof artclub
contemporary art
pestalozzistr. 14
80469 münchen
Phantastische Architektur – Über die Skulpturen von Stephan Siebers
Wenn man sich professionell mit Kunst beschäftigt, gerät manchmal die
persönliche Begeisterung, die Leidenschaft für die Kunst, die Liebe für
sie, ins Hintertreffen. Zu groß ist die Versuchung, ein vermeintlich
objektives kunsthistorisches Raster über die Gegenstände zu legen, die
sich als Kunst präsentieren. Sofort findet ein Abgleich nach
internalisierten Qualitätsmaßstäben statt, wird mit ähnlichen
Kunstwerken oder Künstlern verglichen. Unmittelbar bietet sich ein
„artist-by-proxy“-Programm –
eine Art Kunstwertfeststellung durch die Assoziation mit einem anderen
etablierten Kunstschaffenden – an, dass jedes Objekt gleich mit einem
ähnlichen in Beziehung setzt, um es einzuordnen. Nicht das dieses
Verfahren keine sinnvollen Ergebnisse zeitigt, allzu leicht wird darüber
jedoch vergessen, das die emotionale Beziehung zu einem Kunstwerk einen
wesentlichen Teil seines Werts ausmacht.
Ganz selten ist
folglich das Erlebnis, dass sich mir als Kunsthistoriker eröffnet hat,
als ich zum ersten Mal einer Skulptur des Kölner Künstlers Stephan
Siebers gegenüberstand: Bei einer Ausstellung in Köln habe ich mich
sogleich in ein kleines, intimes Sujet verliebt, dass mir seither im
Gedächtnis geblieben ist. Während draußen der Sturm „Kyrill“ tobte,
empfingen mich Siebers Werke mit einer unglaublichen Ruhe, die sich aus
einer den Skulpturen innewohnenden Kraftquelle zu speisen schien. – Als
Kunstgeschichtler weiß ich, nichts von alledem ist zufällig. Das, was
ich erlebe, ist ein Empfinden, dass direkt in dem Kunstwerk angelegt
ist, das es ganz natürlich ausstrahlt. Auch wenn wir alle im Umgang mit
Kunst einen sicherlich sehr individuellen Zugang haben, der auf unserer
eigenen kulturellen Bildung basiert, gibt es dennoch Kriterien,
Qualitätsmerkmale, die eher universell sind, denn sie begründen sich
über eine Weltsicht, eine Annäherung an die Phänomene unseres
Universums, für das der jeweilige Künstler einen konkreten und
nachvollziehbaren Ausdruck gefunden hat.
Die Arbeit Siebers,
die mich so nachhaltig beeindruckt hat, ist eine kleinformatige frühe
Skulptur einer „Himmelstreppe“ aus poliertem Stahl. Eingefasst von zwei
rechtwinkligen Stahl-Paneelen führen winzige, handwerklich äußerst
präzise gearbeitet Metallstufen ins nirgendwo. Über ihnen thront eine
wuchtige Kugel aus Cor-Ten-Stahl, getragen von halbkreisförmigen
Einschnitten in die seitlichen Metalltafeln. Natürlich denke ich sofort
an die phantastischen Architekturen von Etienne Louis Boullée oder
Claude-Nicolas Ledoux. Aber warum? Nicht nur, weil mir die
Kunstgeschichte nahe legt, im Unbekannten das Vertraute zu suchen. Die
Revolutionsarchitektur von Boullée und Ledoux arbeiteten mit ähnlichen
Mitteln, um Utopien der Baukunst zu konzipieren, die auch Stephan
Siebers inspiriert zu haben scheinen: Ihre nie gebauten Entwürfe leben
von der sich entfaltenden Kraft der Gegenüberstellung von Maßstäben, von
Dimensionen, verknüpfen die bekannte und intuitiv lesbare Symbolik von
klassischen Architekturelementen mit einer Makro-Maßstäblichkeit
offenbar unmöglich zueinander wirkender Bestandteile. Bei Siebers
Skulptur die den Titel „PORTAL“ trägt, trifft dies nicht nur in der
Verbindung aus Treppe und dem darüber platzierten Globus auf, sondern
auch in der Materialität des polierten Metalls gegenüber der
rostig-stumpfen Cor-Ten-Kugel.
Diese Paarungen sind ohne Frage
die Instrumente, mit denen Stephan Siebers seine Skulpturen
konstruiert, um ihnen ihre direkt nachvollziehbaren Kräfteverhältnisse
zu geben. Eine Energie, die in dem Material Stahl schon ob seiner
ursprünglichen Bearbeitung vorhanden ist, die Siebers aber durch sein
handwerkliches Geschick noch zu verstärken weiß: Die massive Stahlkugel
scheint – obwohl ihr Gewicht deutlich zu spüren ist – über der
Treppenanlage der Skulptur zu schweben. Diese Gestaltung aus der
paradoxen Vereinbarkeit des Unvereinbaren widerspricht jeder Logik von
Gravität. Trotz des Gewichts der verwendeten Materialien gelingt es ihm
in all seinen Objekten eine Balance der Kräfte zu schaffen, die
niemanden unbeeinflusst lässt.
Vor dem Hintergrund einer
Schreinerlehre kennt Siebers nicht nur die konstruktiven Notwendigkeiten
und konnte die technischen Fähigkeiten entwickeln, die den Skulpturen
ihre Ausstrahlung verleiht, als ehemaliger Architekturstudent ist er
ebenso mit den gestalterischen Möglichkeiten der Baukunst und der
Architekturgeschichte bestens vertraut. Für Siebers war jedoch die
Möglichkeit der Realisierbarkeit im Rahmen seiner bildhauerischen
Tätigkeit überzeugender zu leisten, als dies innerhalb der funktionalen
Begrenzungen der Architektur machbar wäre. Dennoch ist es augenfällig,
dass seine Beziehung zur Architektur ungebrochen ist. Formal gesehen
zeichnen sich seine Werke durch ihre Nähe zu den minimalistischen
Ausdrucksformen aus, die das Bauhaus Fächerübergreifend entwickelt hat.
Selbst wenn in der bildenden Kunst die Form nicht notwendigerweise einer
Funktion folgt, so ist Siebers doch dem Diktum Mies van der Rohes eines
„Weniger ist mehr“ verpflichtet. Seine Skulpturen sind geprägt von der
Reduktion der Mittel, um ihre volle Energie als reine Form entfalten zu
können.
Ähnlich wie bei den Skulpturen von Richard Serra
schafft es Stephan Siebers immer wieder, die so unvermittelte Wucht des
Stahls in ein Gleichgewicht zu bringen, das den Gesetzen der Schwerkraft
zu widersprechen scheint. Bisweilen haben seine Objekte eine originäre
Dynamik, die in der Zeit eingefroren erscheint wie ein Standbild. Dies
verleiht ihnen die Leichtigkeit und Eleganz die mich schon beim ersten
Anblick eingenommen hat. – Ein Effekt, der ob der Verwendung von
Aluminium, Stahl, Messing, Bronze und Eisen in seinen Arbeiten eine hohe
Meisterschaft bedarf, um ihn zu ermöglichen. Gleichwohl schafft es
Siebers in seinen neuesten Skulpturen seine gestalterischen Mittel noch
weiter zurückzunehmen, noch minimaler zu werden, nicht nur ohne den
Ausdruck und den Eindruck, den seine Werke transportieren,
einzuschränken, sondern um diesen noch zu verstärken. Er schärft sein
künstlerisches Repertoire zusehens, während die Skulpturen noch klarer
und puristischer auftreten, weil er sich weiter auf das
Spannungsverhältnis zwischen Form, Maßstab, Material und Oberfläche
konzentriert, die die Anmutung der Arbeiten ausmachen. Sie sind ebenso
stabil wie sie zerbrechlich erscheinen, so leicht, wie sie
schwergewichtig wirken, so statisch wie sie dynamisch und beweglich
sind. Stephan Siebers verweist so auf ein kosmisches Urvertrauen das
belegt, dass das Konträre tatsächlich nicht existiert, sondern das eine
viel stärker weltbegreifende und welterklärende Komponente in der
Erkenntnis liegt, dass Schwarz und Weiß keine Gegensätze sind, sondern
lediglich Komplementärkontraste, zwei Seiten einer Medaille, die nur im
Gegenüber überhaupt erst entstehen.
Marcel Krenz